Reisen mit dem Rennrad – Lessons Learned

Seit 2013 fahre ich jedes Jahr für eine Woche nur mit dem Rennrad und einem Rucksack bewaffnet eine größere Tour.

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Dabei habe ich natürlich über die Jahre Vieles dazugelernt. Über die Verbindung dieser Lessons Learned mit meinem Berufsleben als Softwareentwickler durfte ich bei den Karlsruher Entwicklertagen sprechen.

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In diesem Artikel extrahiere ich wieder die gelernten Lektionen fürs Reisen mit dem Rennrad. Auf die einzelnen Touren gehe ich nicht explizit ein. Die könnt Ihr hier im Blog eh nachlesen.

Ich fahre ganz bewusst nur mit einem alten Rennrad und einem 28 Liter Rucksack. Das ist mein Gegenentwurf zu den Familien- oder Tandemurlauben, in denen auch ich mit Taschen fahre.

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Hat schon bei der Mitnahme im Zug und dem Umsteigen unbestreitbare Vorteile, nur ein leichtes Rad dabei zu haben.
Mir macht es nichts aus, den ganzen Tag mit Rucksack zu fahren. Da ist auch tatsächlich alles drin, was ich brauche. Die Packliste findet Ihr hier. Umgekehrt ist aber auch nix drin, das ich nicht brauche. Außer dem Erste-Hilfe-Päckle (ToiToiToi) habe ich wirklich jedes Teil schon genutzt.
Für noch ein anderes Detail, das ich noch nie gebraucht habe, kann ich hier auf Holz klopfen. Das findet sich aber nicht im Rucksack sondern versteckt am Rad. Ich sag nicht wo, aber da stecken immer 100€. Das treibt nicht nur den Wert des Rades schlagartig in die Höhe. Das ist mein Notgroschen, falls wirklich mal der Rucksack abhanden käme. Mit dem Geld sollte ich dann wenigstens noch nach Hause kommen können.
Außer einem Handyhalter, Tacho, zwei Flaschen und einer kleinen Werkzeugsatteltasche ist sonst nix am Rad dran. Ich bin kein Bikepacker und übernachte mit festem Dach über dem Kopf. Wie ich meine Unterkünfte suche, könnt Ihr hier nachlesen.
Dabei gilt von Anfang an eine eiserne Regel: Sobald ich 100 km voll habe oder 18:00 Uhr durch ist, beginne ich, nach einer Unterkunft für die Nacht zu suchen. Kein: „Ach, die Beine sind noch gut, radel ich noch ein bisserl…“
Trotzdem liegt mein Rekord bei 124 km an einem Tag. Das mag für manch anderen lachhaft wenig sein. Für mich persönlich ist das der richtige Kompromiss aus sportlicher Herausforderung und Urlaub.

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Apropos Herausforderung! Zu den größten Herausforderungen des Radreisenden zählt Dauerregen. Reines Wasser wäre ja nicht so das Problem. Aber komischerweise verwandelt sich dann selbst die geleckteste Straße in ein Schlammbad. So schlimm wie auf dem Foto (Saaleradweg, naturbelassen) kommt es zwar selten, aber man schmoddert sich halt alles voll. Deshalb braucht der Randonneur Schutzbleche. Egal, was die Puristen sagen.

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Es ist einfach was anderes, ob ich nach der Feierabendrunde gepickelt nach Hause komme oder auf großer Tour abends in einem Hotel aufschlage. Zu Hause kann ich das dreckerte Rad abspritzen und die Klamotten waschen. Wenn ich mit der selben Ausrüstung am nächsten Morgen weiter muss, sollte sie nicht gar zu nass und verdreckt sein. Langt schon, morgens wieder in die nassen Schuhe rein zu müssen. Gute Regenklamotten sollten auch sein. Fast noch wichtiger ist ein wasserdichter Rucksack oder einer mit einer anständigen Regenhülle. Die Klamotten für abends wollen gut geschützt bleiben.

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Dann kann man abends auch den Regenbogen genießen.

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Meine Deutschlanddurchquerung habe ich in einem kleinen Städtchen namens Kahla an der Saale unterbrochen. Da wollte ich als Kind schon hin, weil das im Bertelsmann Volksatlas meines Vaters der nächste Eintrag unter Kahl am Main war. Meine Eltern haben mir damals gesagt, da könne man nicht hin…
War schön, das nachgeholt zu haben. Aber als Ziel- oder Startpunkt eines Fahrradurlaubs denkbar ungeeignet, wenn man jemand ist, der gern und viel von seinen Radtouren berichtet. „Wooo warst Du?“
Ich habe mir deswegen angewöhnt, in bekannteren Städten zu enden. Es erzählt sich einfacher.
Inzwischen nehme ich mir auch vor, in diesen Städten etwas Zeit zu verbringen, nicht einfach nur raus aus dem Bahnhof und rauf aufs Rad. Deswegen reise ich schon zum Abend vorher an. Noch besser ist natürlich, wenn ich am letzten Tag die Tour in Ruhe ausklingen lasse und nochmal in ein Hotel gehe. Nur manchmal ergibt sich eine Rückreisemöglichkeit mit der Bahn eben schneller als erhofft.

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Zu dem Bild muss ich wohl nicht viel sagen. Ich hätte mir Ärger erspart, wenn ich vor der Tour die marode Kette gewechselt hätte. Wobei eine angerissene Kette durchaus was besonderes ist. Anyway…
Lesson Learned: Vorher um die Ausrüstung kümmern.

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Wenn unterwegs doch ein Defekt auftritt, sollte man sich gleich drum kümmern. Die Rinne in dem Reifen gehört nicht zum Profil „ab Werk“. Die habe ich mir selbst reingefräst, weil sich bei voller Fahrt ein Aluspan aus dem hinteren Schutzblech gelöst und verklemmt hatte. Da hätte ich das Schleifgeräusch vorher nicht den ganzen Tag ignorieren sollen.

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Manches merkt man ja wirklich nicht. Zum Beispiel, dass auf der Linse ein Fingerabdruck ist. Das sieht man dann erst, wenn man in einer ruhigen Minute die Fotos durchschaut. So was wie Linse putzen muss man also zur Routine machen.

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Ebenso sollte es selbstverständlich sein, sich über die Gepflogenheiten im Gastland zu informieren. Dann hätte ich wissen können, dass in Dänemark an der Theke bezahlt wird und nicht so lange auf die Bedienung gewartet. Es hätte mir auch etwas Lehrgeld gespart, wenn ich mich vorher belesen hätte, welche Karte beim Bezahlen welche Gebühr kostet. Die EC-Karte meiner Bank war nicht die richtige Wahl.

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Wenn ich vom Rand der Alpen losfahre, habe ich folgendes Problem. Bei jeder Kuppe, jedem Wäldchen denke ich: „Ob ich die Berge danach nochmal sehe?“
Ich hab das erforscht. Für mich ist es viel entspannter, auf die Berge zuzufahren, auch wenn das bedeutet, im Alpenvorland aufwärts zu treppeln. Dabei kommt man irgendwann mal um eine Kurve und sie sind da. Auch auf dem Foto könnt Ihr sie erahnen. Für mich war es an dieser Stelle Gelegenheit, kurz anzuhalten und mich zu freuen.

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Zum Schluss noch was Allgemeines. Ich versuche, mich nicht selbst unter Druck zu setzen und ein festes Ziel vorzugeben. Für die einzelnen Tage nicht und schon gar nicht für die ganze Tour.

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Ich gebe mir nur eine grobe Richtung und wenn ich mal nicht weiter weiß, wird gewürfelt. So kommen dann lustige Verläufe zu Stande.

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Wenn ich unterwegs was Schönes sehe, mache ich Halt und schaue mir das genauer an: Aussichtspunkte, Museen, Kirchen und … Metzger.